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 Musiker sind nette Menschen - und meistens interessant!

Hier soll es einmal nicht um die Musik gehen, sondern um die MENSCHEN, die Musik machen.
Genauer gesagt um die Menschen, denen ich nur darum begegnet bin, weil ICH Musik mache!

Ich glaube, dass jeder Musiker durch seine Musik irgendwie diese Erfahrung macht: Was für tolle Menschen es auf der Welt gibt - sozusagen nebenher beim Musizieren kostenlos vermittelt. Na gut, nicht jeder ist toll, man mag nicht jeden, und man wird selbst auch nicht von jedem gemocht. Aber insgesamt im persönlichen Rückblick - für rund 35 Jahre - kann ich erstaunlicherweise sagen, dass mir tatsächlich spontan kein(e) Musiker(in) einfällt, an den (die) ich mich so richtig ungern erinnere. 

Angefangen habe ich mit Geige natürlich im Schulorchester. Aber der eigentliche "Kick" kam Jahre später, als mich ein Cello spielender Mitschüler zum Jugend-Sinfonieorchester Lübeck mitschleppte. Und jetzt packt mich immer noch die Begeisterung: Denn erstens wurde ich an das nächste freie Pult neben ein Mädchen gesetzt, in das ich mich total verknallte, und zweitens hatte unser Dirigent Roberto so viel Pep und Spaß an der Musik, dass ich das plötzlich auch fühlte. Ich fand schnell eine neue Clique von Jungs und Mädels aus bisher ganz unbekannten Stadtteilen Lübecks, und über einige Jahre waren wir ein klasse Team beim Musizieren, Kinogehen, Skat spielen oder Party machen …

… irgendwann wird dann der eigene Job fällig, und um der Entwicklung zum berühmten "Hamster im Laufrad" vorzubeugen, bin ich zum Stader Kammerorchester gegangen. Regelmäßige Arbeit täglich 8 bis xx Stunden, Dienstreisen, 30 Tage Urlaub im Jahr … und dann immer noch Dienstagabend Orchesterprobe in Stade. Manchmal möchte man wirklich lieber zuhause die Füße hochlegen. Aber dann fährt man doch hin und schwatzt mit den Menschen, die einen an ihrer Welt schnuppern lassen. Und es fällt einem immer wieder auf, dass es erstaunlicherweise auch ganz andere Lebensweisen gibt, als der eigene … tägliche … eingefahrene … Alltag!

Also zum Beispiel Christa: Dass sie jetzt Bratsche spielt, ist Nebensache. Im Hauptberuf ist sie Malerin. Und es ist spannend, sich mit ihr über die Themen zu unterhalten, die sie gerade zum Malen animieren. Von den zahlreichen Grillfesten auf ihrem Hof und den Einladungen zu ihren Vernissagen mal ganz abgesehen.

Dann mein Pultnachbar Steffen: Kommt aus dem brandenburgischen Eisenhüttenstadt - jawohl, wir sind ein gesamtdeutsches Team! Eine typisch deutsche Mischung aus Feinsinnigkeit und Verlässlichkeit, dazu perfektes Noten- und CD-Management (wenn ich davon sonst schon profitiere, muss ich das hier jetzt auch mal lobend erwähnen!). Nebenbei Einsicht in das Leben in der vergangenen DDR aus erster Hand - jetzt wächst wieder zusammen, was zusammen gehört.

Es gibt diejenigen, die eher unspektakulär im Hintergrund sozusagen die Seele pflegen und dafür sorgen, dass man in der täglichen Betriebsamkeit nicht zu engstirnig wird. Carmen zum Beispiel: Als Doktorin der Chemie ebenfalls in der Industrie tätig (da kann man die wirtschaftliche Großwetterlage nebenbei mal vergleichen und feststellen, dass es andere Branchen auch nicht leicht haben), internet-mässig mir immer einen Schritt voraus, aber so schön bodenständig geblieben: Mit Katzen zuhause, Kammermusik-Faible und dem unstillbaren Drang zum Teekochen.

Oder Claudia: Man kommt gar nicht darauf, in welchem Alter dreifache Mütter nach der Probe noch Parkplatz-Partys organisieren, aber sie machen es tatsächlich. Und weil ihr Sohn in Amerika in der Autoindustrie arbeitet, gibt es ab und an das Neueste vom Kontinent jenseits des großen Teiches.

Nicht ungenannt bleiben darf Viktoria: Ein Bekannter von ihr ist guter Kunde von Flugzeugen meiner Firma, so komme ich manchmal zu authentischen Stimmungsberichten über die Qualität unserer Produkte. Wenn ich im Mai von ihrem Gut höre, mit welchem technischen Aufwand dort mittlerweile nach nationalen oder auch EU-Richtlinien Spargel sortiert werden muss, fange ich ehrlich an zu staunen. Ihr Handy ist immer auf Empfang. Rechne ich dann noch den Kampf um die Verkaufsplätze auf den Dörfern, das Organisieren der ausländischen Erntehelfer und das Management einer Großfamilie hinzu, wächst immenser Respekt.

Zum Schluss unser Dirigent Alexander: Bei den Proben gibt er uns zu neuen Stücken meistens ein bisschen Einblick in das (Seelen-) Leben des jeweiligen Komponisten ganz unkompliziert und leicht verständlich dazu. Eine bemerkenswerte Eigenschaft, die nicht jedem Orchesterleiter automatisch gegeben ist.

Wie mag es weitergehen? Weiß ich auch nicht, aber irgendwer im Orchester kommt immer dazu und irgendwer geht wieder. Und alle sieben Jahre so ungefähr (… Erfahrungswert …) gibt es eh eine künstlerische Krise, wo musikalisch auf einmal alles nicht mehr passt, und sich das Orchester wieder neu zusammenraufen muss. Natürlich, ein bisschen "passende" Wellenlänge und Humor ist bei den eben beschriebenen Personen schon dabei. Aber wie wäre meine Welt, wenn ich sie nicht kennen würde? Und was ist von dem vielen, was ich erfahre, schon wirklich wichtig? Jedenfalls, es gibt tatsächlich auch ganz anderes im Leben, als man es sich selbst vorzustellen vermag …!

Töne haben keine Worte, jeder kann dabei denken und fühlen was er will. Jeder, der sie hört, und jeder, der sie macht. Ich traf in vielen Jahren prima Menschen bei der Musik, die ich im "normalen" Alltag nie kennen gelernt hätte - "socially unlimited" sozusagen. Und ehrlich - neben den ganzen schönen Tönen ist das doch eigentlich DAS ARGUMENT dafür, Musik zu machen! 

Buxtehude, den 06. 09. 2010                     H. Schulze